Gedichte vor 2024


HAUCH

Da ist er wieder, dieser magische Moment,
der einen näherbringt dem Sternenzelt,
dass flüchtig man versöhnt ist mit der Welt
und dürstend sich zum Leben neu bekennt.

Da ist sie wieder, jene Augenblicksmagie,
die tief in eine wunde Seele dringt
und auch den kleinsten Ton, der in uns klingt,
verwandeln will in eine Symphonie.

Da ist es wieder, süßen Zaubers kurze Frist,
das unsre Angst wie unsre Sehnsucht nährt,
die Lust am Leiden uns noch einmal lehrt
und weiter als das Universum ist…

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AN DIE LIEBENDEN

Mit beiden Händen greift ihr furchtlos nach dem Einen,
das, so wie alles, brennt im Feuer der Vergänglichkeit.
Wie ihr, im Wahnsinn, fest es haltet, will es scheinen,
ihr überlistet noch den gnadenlosen Fraß der Zeit.

Doch ihr wisst selbst es, auch das Eine muss vergehen,
und ihr, die Narren, werdet sinnlos leidend ohne Ende
noch in den Händen haltend es verbrennen sehen,
und mit dem Einen brennen euch auch ewig Herz und Hände.

Doch eben weil ihr wisst und dennoch fest es haltet
und alle Schmerzen auf euch nehmt, seid Helden ihr zugleich,
ja Könige: denn groß ist, wie ihr hilflos waltet
über das Eine, als sei es ein altes Königreich.

*****

MELANCHOLIE

Du hältst dich fest an meiner Seele
und fällst nicht ab, so sehr ich an dir zieh…
belegst mein Herz, würgst meine Kehle –
Melancholie.

Du fällst mich an, so plötzlich wie ein wildes Tier
auf jedem Weg; mein Ziel erreich ich nie…
die Tränen treibst du grundlos aus den Augen mir –
Melancholie.

Deine Umarmungen sind kalt; sitzt du mir auf dem Schoß
bin ich erstarrt, betäubt, ich weiß nicht wie…
ich ahne nur, du bleibst mir treu, du lässt mich niemals los –
Melancholie.

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DIE HOCHZEIT (eine Ballade)

In gutem Hause soll vermählt
die einzige Tochter werden.
Im Gange ist bereits das Feste;
man lässt herein und grüßt die Gäste,
die sorgfältig man ausgewählt,
um vorzubeugen den Beschwerden.

Des Paares Mütter sind zufrieden;
die Väter auch, denn schließlich ist
viel Geld im Spiel. Der Bräutigam
drückt selbstgefällig Hände; wundersam
dagegen, dass die Braut ganz abgeschieden
in einer Nische sitzt und ihre Pflicht vergisst.

Sie liebt ihn nicht. Der Bräut´gam weiß,
um einen andern leidet sie.
Den Namen aber kennt er nicht,
auch sah er niemals sein Gesicht.
Die Heirat hält man auf Geheiß
der Eltern; Liebe war es nie.

Die Braut ist traurig. Die Gedanken
sind bei der Flamme, die ihr Herz versengt.
Sie schaut zur Türe, doch sie wagt es nicht,
zu schaun der Liebsten ins Gesicht,
der jungen Zofe, die gleich einer Kranken
die Gäste leichenblass mit Sekt empfängt.

Die Braut springt plötzlich auf, erklärt,
vor der Vermählung wolle in die Wann´
sie noch; die Zofe möge ihr behilflich sein.
Misstraurisch lässt der Bräutigam sich ein
auf ihren Wunsch; die Zofe fährt
er an: „Lass mir ins Zimmer keinen Mann!“

Kaum schließt die Tür sich hinter beiden Frauen,
umarmen, küssen sie verzweifelt sich
und legen bald entblößt und Brust an Brust
sich auf das Bett, doch nicht zur vollen Lust;
nur, um sich streichelnd anzuschauen,
und jede Regung ist wie eines Dolches Stich.

Die Zeit vergeht, Eltern und Gäste warten,
der Bräutigam, voll Eifersucht und Ungeduld,
hört, wie von ferne eine Stimme lacht,
und durch ein Fenster, stärkend den Verdacht,
sieht fliehn er einen Schatten durch den Garten
und zweifelt länger nicht an der Verlobten Schuld.

Er stürzt zum Zimmer, rüttelt an der Türe.
Die Zofe zieht sich schnell ins Bad zurück
und lässt dort Wasser in die Wanne ein.
Die Braut ist nackt, schon kommt der Tobende herein:
„Ich sah ihn, gottverfluchte Hure,
sag, wer es ist, sonst brech ich dir´s Genick!“

Es schweigt die Frau, und plötzlich ist ihr kalt.
Bedecken will sie ihren bloßen Leib;
greift nach dem Kleid, der Mann reißt es ihr weg,
wirft roh sie auf das Bett, beschimpft sie: „Du Stück Dreck!“
und legt sich auf sie: „Und sei´s mit Gewalt,
heut mach ich dich zu meinem Eheweib!“

Kaum will er sich an ihr vergehen,
da tritt die Zofe aus dem Bad hervor.
Der Mann springt auf: „Du Kupplerin,
nennt sie den Namen nicht, so nennst du ihn!“ –
„Ich kenn ihn nicht, doch habe ich gesehen,
dass einen Ring er nach dem Bad verlor!“ –

„Wo ist der Ring?“ – „Vielleicht noch in der Wanne!“
Der Bräutigam läuft vor ins Bad, die Zofe bleibt stets dicht
bei ihm, er beugt bis an das Wasser seinen Kopf.
Die Zofe hinter ihm packt ihn beim Schopf
und taucht ihn immer wieder ein; dem Manne
vergeht der Atem bald, bis leblos er zusammenbricht.

Als später, mit Befehl, nach den Verlobten auszuschauen,
das Zimmer eine alte Dienerin betritt,
da findet sie, einander sich umarmend und wie neuvermählt
in einer andern leichtern Welt, jedoch entseelt
im Bette die noch warmen Leiber beider Frauen:
gemeinsam Gift zu nehmen war der letzte Lebensschritt…

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ANGRY PENELOPE

UND ICH

PENELOPE

AM RAND DER KLIPPEN

STEHEND SCHAUEND

IN DEN HORIZONT BOHRT SICH

MEIN BLICK

NIEMAND FRAGT

NACH MEINER SEHNSUCHT

SCHMERZ IN DER SCHAM

WÜSTE ÖDE WÜSTE

NACKTER STEIN IN DER BAUCHHÖHLE

WIE DER FELSGRUND ITHAKAS

UND DER ZORN FRISST

SINNLOSER KRIEG

SINNLOSES WARTEN

ZWANZIG JAHRE EINSAMKEIT

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GEWITTERABEND (1. Fassung)

Dunkel droht die Wolkendecke
sich an Dächern festzueisen
um sie langsam zu verspeisen.

Aus dem kleinen Fenster schauend
spüre ich im Geiste schon
jene große Implosion.

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GEWITTERABEND (2. Fassung)

Dunkel droht die Wolkendecke
sich an Dächern festzueisen
um sie langsam zu verspeisen
an der Scheibe Wasserflecke

Sinnend sitz ich in der Ecke
und meine Gedanken kreisen
wollen in die Ferne reisen
bleiben aber auf der Strecke

Draußen sich zusammenbrauend
jene große Implosion
die verdunkelt jedes Licht

Aus dem kleinen Fenster schauend
spüre ich im Geiste schon
wie mein Ich zusammenbricht.

*****