Fragmente & Entwürfe


Ein modernes Märchen für Kinder 6+ und Erwachsene

Personen:

Nelly Meier, Schülerin

Alfons Meier, ihr Vater

Berta Müller, seine Chefin

Carsten Maler, ihr Praktikant

Die Fee Almira

Bühne:

Ein Tisch, der sowohl Schreibtisch als auch Esstisch sein kann. In den ersten drei Szenen ist er Schreibtisch, dazu Drehstuhl und Telefon als einzige sichtbare Gegenstände. Alles andere soll pantomimisch dargestellt werden. Um Müllers und Meiers Büro zu unterscheiden, könnte auf dem Schreibtisch jeweils ein persönlicher Gegenstand stehen, z.B. bei Meier ein Foto von Nelly.

In den Szenen vier und fünf ist der Tisch Esstisch bei Meiers mit zwei Stühlen und einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel.

In den Szenen sechs bis zehn ist der Tisch wieder Schreibtisch mit Drehstuhl und Telefon, und den jeweiligen persönlichen Gegenständen.

ERSTE SZENE Alfons Meier.

Alfons Meier arbeitet in seinem Büro. Hektische Pantomime zu Musik.

ZWEITE SZENE Alfons Meier. Berta Müller.

Berta Müller tritt auf. Kleidung und Haltung sind so, dass man sofort die Vorgesetzte in ihr erkennt.

BERTA Herr Meier?

ALFONS Frau Müller?

BERTA Sind die Ordner sortiert?

ALFONS Jawoll.

BERTA Sind die Akten kopiert?

ALFONS Jawoll.

BERTA Sind die Briefe geschrieben?

ALFONS Jawoll.

BERTA Und wo sind sie geblieben?

ALFONS Moment-

Er beginnt hektisch zu suchen.

BERTA Herr Alfons Müller, Sie sind mein fleißigster Angestellter. Und dennoch sind Sie nicht fleißig genug. Wir müssen arbeiten arbeiten arbeiten, nur so verdienen wir Geld Geld Geld.

ALFONS Frau Berta Müller, Sie sind meine fleißigste Chefin, aber ich muss es mal klar und deutlich aussprechen. Ich arbeite täglich von neun bis fünf, die beinahe schon regelmäßigen Überstunden nicht mitgezählt. Und was das Geld Geld Geld verdienen betrifft. Ja, ich verdiene gut, aber ich habe gar keine Zeit, etwas von dem Geld auszugeben. Was nützt es mir, wenn ich nicht mal Zeit habe, mit meiner Tochter Nelly etwas zu unternehmen? Ich würde gern mal mit ihr ein Eis essen gehen oder ein Kindertheater besuchen. Aber ich komme immer spät von der Arbeit nach Hause, da ist sie schon im Bett. Und um ihr eine Gutenachtgeschichte vorzulesen, bin ich dann immer viel zu müde. Und selbst am Wochenende, kaum haben wir uns vorgenommen, etwas Tolles zu machen, da rufen Sie an und sagen, im Büro gäbe es einen Notfall. Und worin besteht der Notfall? Sämtliche Bleistifte sind nicht gespitzt, und so spitze ich das ganze Wochenende Bleistifte.

BERTA Sind die Bleistifte gespitzt?

ALFONS Jawoll.

BERTA Sind die Brödräcker gebritzt?

ALFONS Was bitteschön sollen Brödräcker sein und was bedeutet britzen?

BERTA Das kann Ihnen wohl ganz egal sein, Herr Meier, machen Sie einfach die Arbeit, die ich Ihnen auftrage. Hauptsache arbeiten arbeiten arbeiten-

ALFONS Ja, ich weiß, wegen dem Geld Geld Geld. Haben Sie überhaupt Zeit, Ihre Unmengen von Geld auszugeben?

BERTA Das muss ich gar nicht. Ich habe auch keine Kinder.

ALFONS Und keinen Mann. Wie auch, wann hätten Sie die Zeit, einen kennenzulernen. Und weil Sie sich einsam fühlen, gehen Sie ungern nach Hause, und so bleiben Sie den ganzen Tag im Büro und arbeiten. Und weil Sie ständig arbeiten, müssen Ihre Angestellten es auch tun.

BERTA Was fällt Ihnen ein, Ihrer Chefin so etwas zu unterstellen. Ich habe ein erfülltes Leben, und wir arbeiten zum Wohle der Firma, und je mehr wir arbeiten, desto wohler ist ihr.

ALFONS Wie auch immer, es ist kurz vor Fünf, und ich mache heute ausnahmsweise pünktlich Feierabend. Nelly wartet schon auf mich, wir wollen heute Mensch-ärgere-dich-nicht spielen. Seit ihre Mutter mich verlassen und von hier weggezogen ist, hat sie nur noch mich.

BERTA Mensch, ärgere mich nicht! – Verzeihung, ich habe die Fassung verloren. Sehr unprofessionell. Jedenfalls können Sie noch nicht gehen, die- die Brödräcker müssen gebritzt werden, wie gesagt.

ALFONS Jawoll.

DRITTE SZENE Berta Müller. Carsten Maler.

Berta Müllers Büro. Sie sitzt am Tisch und stellt das Telefon immer wieder anders hin. Dann beginnt sie, mit dem Drehstuhl herumzuspielen.

Carsten Maler kommt herein und überrascht sie, was ihr peinlich ist.

BERTA Herr Malmann, können Sie nicht anklopfen?

CARSTEN Maler mein Name. Carsten Maler. Verzeihung.

BERTA Was wünschen Sie?

CARSTEN Haben Sie irgendeine Aufgabe für mich?

BERTA Nein, tut mir leid.

CARSTEN Kann ich dann gehen?

BERTA Nein, können Sie nicht. Dass Sie hier Praktikant sind, gibt Ihnen nicht das Recht, zu kommen und zu gehen, wann es Ihnen passt.

CARSTEN Ja, aber wenn es nichts mehr zu tun gibt-

BERTA Es gibt immer etwas zu tun. Wir müssen arbeiten arbeiten arbeiten. Nur so verdienen wir Geld Geld Geld.

CARSTEN Geld? Aber ich mache doch ein unbezahltes Praktikum. Ich bin ja nur hier, um etwas zu lernen.

BERTA Und nun haben Sie etwas gelernt. Man muss arbeiten arbeiten-

CARSTEN Ich wäre ja froh, wenn ich mal was arbeiten dürfte. Aber seit ich hier Praktikant bin, durfte ich nicht einmal den Kaffee kochen-

BERTA greift zum Telefon und wählt Herr Müller, ist der Kaffee gekocht? – Und die Blätter gelocht?

CARSTEN Während Herr Meier völlig unnütz Überstunden schiebt. Lassen Sie mich doch wenigstens die Bleistifte spitzen.

BERTA Die sind schon gespitzt. Herr Malwitz, wenn Sie der Meinung sind, dass Ihre Aufgabe bei uns darin besteht, sich Ihrer Arbeit zu entziehen und vorzeitig Feierabend zu machen, muss ich in Erwägung ziehen, ihnen weniger zu bezahlen.

CARSTEN Aber Sie zahlen mir ja gar nichts-

BERTA Nun widersprechen Sie mir schon wieder! Verlassen Sie auf der Stelle mein Büro, ich habe zu tun.

Er geht ab. Berta seufzt und verschiebt erneut das Telefon.

VIERTE SZENE Nelly. Alfons Meier.

Nelly sitzt am Esstisch und spielt mit sich selbst Mensch-ärgere-dich-nicht. Nach einer Weile kommt Alfons herein und küsst sie zerstreut.

ALFONS Guten Abend, Nelly.

NELLY Hallo Papa. Wie wars bei der Arbeit.

ALFONS Viel zu tun. Wie immer. Tut mir leid, dass es wieder so spät geworden ist. Aber morgen spielen wir eine Runde, ich verspreche es dir.

NELLY Ach Papa, das versprichst du mir jeden Abend. Und dann wird eh nichts draus.

ALFONS Du hast recht. Es tut mir leid.

NELLY Wozu musst du denn immer so lange arbeiten? Hat Frau Müller keine anderen Angestellten?

ALFONS Doch, aber die arbeiten auch so lange. Es gibt eben unheimlich viel zu tun zur Zeit.

NELLY Du meinst immer. Du machst schon Überstunden, seit du für Frau Müller arbeitest.

ALFONS Wenn Frau Müller sich nur verlieben würde, dann hätte sie einen Grund, nach Hause zu gehen und würde nicht so lange im Büro bleiben. Und dann dürften wir ebenfalls früher nach Hause.

NELLY Frau Müller hat keine Zeit, sich zu verlieben. Außerdem willst du gar nicht, dass sie sich verliebt. Es sei denn, in dich.

ALFONS Nelly!

NELLY Man siehts dir doch an. Ich hätte ja gar nichts dagegen, wenn du mit Frau Müller- Geh doch mal mit ihr aus, lade sie in ein Restaurant ein.

ALFONS Wann denn, wir haben doch nie Zeit. Wir müssen arbeiten arbeiten arbeiten. Ich bin hundemüde, ich geh schlafen. Gute Nacht, meine Süße. Bleib ruhig noch ein wenig sitzen, aber schlaf nicht am Tisch ein.

NELLY Gute Nacht. Ich hab dich lieb.

Alfons geht ab. Nelly spielt weiter.

FÜNFTE SZENE Nelly. Almira.

Nelly spielt weiter. Almira tritt auf, setzt sich an den Tisch. Sie spielen zusammen, ohne dass Nelly es sich gleich bewusst wird. plötzlich nimmt sie Almira wahr und wundert sich.

NELLY Wer bist du denn?

ALMIRA Ich bin die gute Fee Almira. Ich komme, um dir zu helfen.

NELLY Brauch ich denn Hilfe?

ALMIRA Irgendwie schon. Allerdings weiß ich noch nicht genau, wo das Problem liegt.

Almira steht auf und lässt sich vom Publikum erzählen, was bisher passiert ist und worin das Problem liegt.

ALMIRA Und, stimmt das?

NELLY Ja, das ist tatsächlich mein Problem. Aber wie willst du mir helfen? Kannst du zaubern?

ALMIRA Ein wenig. Ich kann zum Beispiel Menschen so verzaubern, dass sie so werden, wie sie wirklich sind. Das probieren wir morgen mit Frau Müller aus.

NELLY Wir?

ALMIRA Du wirst auch dabei sein, ja.

NELLY Aber ich muss morgen zur Schule.

ALMIRA Kein Problem. Ich kann dir eine Doppelgängerin zaubern, eine Art Puppe, die morgen statt dir im Klassenzimmer sitzt.

NELLY Aber fällt das nicht auf, wenn da eine Puppe an meinem Platz sitzt?

ALMIRA Nicht, wenn sie genauso aussieht und außerdem sich so benimmt wie du. zum Publikum Passt mal auf, ich zeige euch, wie ich das meine.

Pantomime. Musik? Nelly verwandelt sich in eine Puppe, die am Tisch döst oder ähnliches macht. Dann Rückverwandlung.

ALMIRA Na, erkennst du dich wieder?

NELLY Naja, ich gebe zu, immer pass ich nicht auf im Unterricht. Nur in meinen Lieblingsfächern. zum Publikum Was ist denn dein Lieblingsfach? – Und was magst du am liebsten? – usw.

Während der Aktion geht Almira ab. Nelly findet sie nicht mehr vor und wundert sich.

NELLY Wo ist denn die Fee hin? Vielleicht hab ich das ja alles nur geträumt.

SECHSTE SZENE Alfons Meier. Nelly. Almira.

Wiederholung der Pantomime aus Szene Eins, nur dass diesmal Nelly und Almira zuschauen.

NELLY Armer Papa.

ALMIRA „dreht“ die Musik leiser Was hast du gesagt?

NELLY Armer Papa.

ALMIRA Nun, ein wenig ist er auch selber schuld, wenn er sich nicht durchsetzt und pünktlich Feierabend macht. Aber wahrscheinlich liegt es daran, dass er tatsächlich in Frau Müller verliebt ist. Er weiß nur nicht, dass er deswegen so lange im Büro bleibt.

NELLY Es tut richtig weh, ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Er ist so unnötig hektisch.

ALMIRA Stimmt. Das lässt sich ändern.

Sie macht eine Bewegung mit der Hand. Daraufhin verstummt die Musik und Alfons bewegt sich im Zeitlupentempo.

NELLY So schafft er die Arbeit aber heute gar nicht mehr.

ALMIRA Auch wieder wahr.

Erneute Bewegung, Alfons bewegt sich wieder im Normaltempo, aber ohne Musik.

NELLY Wenn er sich wenigstens mal eine Pause gönnen würde.

Erneute Bewegung. Alfons im Freeze.

SIEBTE SZENE Alfons Meier. Nelly. Almira. Berta Müller.

Berta tritt hektisch auf. Nelly erschrickt.

ALMIRA Wie ich schon sagte, nur das Publikum kann uns sehen und hören.

BERTA Was geht hier vor? Herr Müller, warum arbeiten sie nicht-

Während sie spricht, macht Almira eine Bewegung mit der Hand. Bertas Gehen und Reden verlangsamt zunehmend. Dann ist sie ebenfalls im Freeze.

ALMIRA So, nun muss ich alles aus ihr herausnehmen, was sie nicht wirklich ist.

Almira geht zu Berta und formt sie wie eine Statue. Sie könnte sich vom Publikum sagen lassen, wie die Statue aussehen soll.

ALMIRA zum Publikum Jetzt brauch ich (nochmals) eure Hilfe. Steht bitte alle auf, macht kreisende Bewegungen mit den Händen und ruft mehrmals zusammen Sakadandum hippihola.

Die Aktion wird durchgeführt. Währenddessen streicht Almira mit der Hand über Bertas Arme und Beine. Schließlich bringt sie mit einer Bewegung das Publikum zum Schweigen.

ALMIRA Danke, das habt ihr gut gemacht. Jetzt müssen wir sie nur noch wecken.

Almira schlägt mit der flachen Hand leicht auf Bertas Kopf, aber nichts passiert. Sie stampft mit dem Fuß und ruft Hu! was aber auch nichts hilft, auch nicht bei Wiederholung.

ALMIRA Da scheint es eine Störung zu geben. Macht mal bitte alle mit, alle zusammen und so laut ihr könnt.

Das Publikum stampft und ruft Huh!, bis irgendwann Berta mit komischen Verrenkungen herumtanzt und zu sich kommt. Parallel dazu wacht Alfons aus seiner Erstarrung, aber unmerklich dezent.

(…)

Szene 7 – Reaktion der verwandelten Berta auf Alfons

Szene 8 – Reaktion der verwandelten Berta auf Carsten

Szene 9 – Almira und Nelly ärgern Carsten

Szene 10 – Berta und Alfons kommen zusammen; neues Leben, Abschied von Almira

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