Irgendwann weißt du, dass du eine Frau bist. Du hast immer noch denselben Körper, aber du weißt dass du kein Mann bist. Dass du auch nie einer warst. Du hast es nur nicht gewusst. Du bist glücklich, befreit, von dem Gefühl beseelt, endlich bei Dir angekommen zu sein. Du stehst nackt vor dem Spiegel und bist irritiert, aber du findest dich nach wie vor schön. Du beginnst, neben den ewigen Jeans nun auch Kleider und Röcke zu tragen, ab und zu auch Schuhe mit Absatz. Du fühlst dich nicht verkleidet, sondern hast bloß deine Möglichkeiten erweitert. Bisher hattest du irgendwas angezogen, jetzt entwickelst du so etwas wie Geschmack, wie eine persönliche Ästhetik. Du rasierst dir täglich den Bart, aber nicht die Beine. Du brauchst keine Kosmetik, kein Augenbrauenzupfen, kein Makeup, keinen Schmuck. Du willst deinen Körper nicht verstecken, willst nur ein wenig weiblicher aussehen, wenn du das Haar wachsen lässt und keine zu engen Röcke trägst. Du brauchst keinen Busen, weder einen ausgestopften BH noch eine Hormontherapie, weil du auch ohne ihn Frau bist. Du brauchst keine Operation und keine „Angleichung“, weil du Frau genug bist und durch die Angleichung nicht wirklich mehr Frau wirst. Du legst dir einen weiblichen Namen zu. Er ist nicht offiziell. Du könntest ihn offiziell werden lassen, müsstest dafür Gutachten einholen, Richtersprüche abwarten, Geld bezahlen. Dann stünde dein weiblicher Name auf einem Stück Papier, aber du gältest trotzdem nicht als Frau. Du stellst dich überall mit deinem weiblichen Namen vor. Die meisten sind amüsiert, irritiert, verlegen. Sie nennen dich dennoch bei deinem alten Namen, oder bei dem neuen, hängen aber immer noch ein „der“ dran. Du fühlst dich schlecht, kommst dir vor wie ein verkleideter Mann, ein Transvestit, der du nicht bist. Manche aber verstehen dich, oder versuchen es wenigstens. Manche hassen dich. Du weißt nicht warum, aber du wirst schief angesehen, beschimpft, auch geschlagen. Du fragst dich, warum es so schlimm sein soll, eine Frau zu sein. Du begreifst, dass Frausein als minderwertiger gilt als Mannsein. Auch im einundzwanzigsten Jahrhundert. Ein Mann, der sich weiblich gibt, verliert an Achtung. Manche Männer fühlen sich in ihrer Männlichkeit von dir bedroht und bedrohen dich. Du suchst nach Schutzräumen. Die lesbi-schwule Community ist so einer. Manchmal. Und manchmal fühlst du dich unter Schwulen nicht wohl. Du stehst nicht auf Männer und du bist keine Tunte. Du brauchst ab und zu einen Schutzraum, in denen sich nur Frauen befinden, die dich selbstverständlich nehmen. Du suchst Frauencafes, Frauengruppen, Frauenparties auf. Nicht immer wirst du reingelassen, nicht immer zugelassen. Du fühlst dich ausgestoßen, auf deinen Körper reduziert. Du bedauerst, dass manche Frauen das Frausein auf den Körper reduzieren, so wie die Männer, die Frauen wie Objekte betrachten und die meist von ebendiesen Frauen deswegen angegriffen werden. Du findest das alles ganz schön kompliziert. Und bist frustriert. Du wirst aus deinen Grübeleien gerissen. Das Telefon, deine Freundin ist dran. „Süße, wie gehts dir?“ , fragt sie dich. Süße sagt sie, nicht Süßer. Du antwortest: „Gut.“ Und in dem Moment stimmt es auch. Du bist eine Frau. Ganz einfach, eine Frau.